Mal wieder Baustellen…:

Anlass zur Änderung meines Mobilitätsverhaltens?

Alle Jahre wieder

Wer in seiner Alltagsmobilität im Berufs- und Freizeitverkehr voll auf das eigene Auto setzt, kennt das Problem nur zu gut: immer wieder stehen Baumaßnahmen zur Infrastrukturerhaltung oder -ausweitung an und die vermeintlich schlechte Koordination verschiedener Baustellen durch die verantwortlichen Behörden sorgt bei dem ein oder anderen für Kopfschütteln oder Schlimmeres. Dass diese Maßnahmen notwendig sind, daran zweifeln aber die Wenigsten.

Die zuständigen Behörden sind sich ihrer Verantwortung gegenüber den Bürgerinnen und Bürgern bewusst. Aber auch vor dem Hintergrund, dass im Sinne einer gesamtwirtschaftlichen Betrachtung Staus zu ökonomischen Einbußen führen: Geschäftsreisende, Handwerker oder KEP-Dienste (Kurier-, Express-, Paketdienste) sind nur einige Beispiele, wo verschwendete Zeit zu realen monetären Einbußen führt. Gesundheitliche Beeinträchtigungen wie Stress kommen noch hinzu. Auch Ladeninhaber an Baustellen sind in der Regel betroffen.

Baumaßnahmen in Heidelberg

Die Stadt Heidelberg informiert ihre Bürgerinnen und Bürger über diverse Baustellen innerhalb des Stadtgebiets – sowohl in einer Übersicht auf ihrer Homepage mit aktuellen Einschränkungen als auch mit einer Übersicht von langer Hand geplanter Maßnahmen.[1] Eine interaktive Karte mit aktuellen Baustellen rundet das Angebot ab.[2]

Zu den langfristig geplanten Maßnahmen gehört die Umgestaltung des Heidelberger Hauptbahnhofs. Mit Kosten von rund 30 Millionen Euro werden seit Mai 2018 vorbereitende Arbeiten ergriffen und verschiedene Bauabschnitte im Zeitraum von Juli 2018 bis September 2019 umgesetzt.[3] Schwerpunkt der Bauarbeiten ist die Modernisierung der Straßenbahn- und Bushaltestelle am Heidelberger Hauptbahnhof. Diese wird barrierefrei ausgebaut und die Gleisanlagen werden näher an das Bahnhofshauptgebäude verlegt. Damit einher gehen umfangreiche Streckensperrungen für den MIV (motorisierter Individualverkehr) sowie den ÖPNV (öffentlicher Personennahverkehr). So kommt es zu partiellen Straßensperrungen um das Bahnhofsgelände sowie zu Streckenunterbrechungen und Schienenersatzverkehren. Mit rund 35.000 Fahrgästen täglich an der Bus- und Straßenbahnhaltestelle alleine werktags sind sehr viele Berufspendler von den Maßnahmen betroffen. Durch kürzere Fahrzeiten und optimierte Umsteigesituation profitieren diese Pendler aber im Besonderen von der Umsetzung der Umbauarbeiten.

Die hier beschriebene Baumaßnahme am Hauptbahnhof ist eine von vielen im sogenannten Mobilitätsnetz Heidelberg. Die Verantwortlichen erhoffen sich durch dieses Maßnahmenbündel 10.000 Fahrgäste für den ÖPNV mehr pro Tag, davon über 7.000 Menschen, die zuvor ihren Pkw genutzt haben. Die Zukunft wird zeigen, ob es gelingen wird, bei diesen Menschen eine dauerhafte Verhaltensänderung durch bessere Angebote erreichen zu können.

Ungeplante Ereignisse

Hinzu kommen ungeplante Streckensperrungen, die wesentlich größere organisatorische und betriebliche Herausforderungen für die verantwortlichen Behörden und Verkehrsunternehmen darstellen. Als Beispiele können Wetterkapriolen wie Stürme und starker Schneefall oder aber die Trassenabsenkung infolge von Tunnelarbeiten bei Rastatt auf der Zugstrecke Karlsruhe und Basel vergangenes Jahr genannt werden.[4] In solchen Fällen müssen innerhalb kürzester Zeit Ressourcen mobilisiert werden, die im Zweifel nicht auf Abruf oder über einen längeren Zeitraum verfügbar sind.[5]

Bei solchen ungeplanten Ereignissen ist der Leidensdruck insbesondere der Berufspendler sehr hoch. Viele Menschen informieren sich umfassend über ihre Mobilitätsmöglichkeiten und schwenken dann kurzfristig auf Alternativen um. Aber nutzen sie diese auch langfristig?

Unser Mobilitätsverhalten

Der Mensch ist ein Gewohnheitstier sagte einst Gustav Freytag.[6] An dieser im 19. Jahrhundert niedergeschriebenen Weisheit hat sich bis in das 21. Jahrhundert nichts geändert.

Verhaltensänderungen passieren nur sehr langsam und wirken langfristig. Wer sich zu Neujahr gute Vorsätze macht, weiß, wie schwierig es ist, diese auch umzusetzen. Mehr Sport treiben zum Beispiel: in den ersten Wochen werden noch eisern die Laufschuhe geschnürt, aber langsam und stetig nimmt die Regelmäßigkeit ab. Nur wenn man wirklich von der Sinnhaftigkeit seines Tuns überzeugt ist, wird eine langfristige Verhaltensänderung eintreten.

Um kurzfristige Verhaltensänderungen herbeizuführen, bedarf es im Gegensatz zur Überzeugung der Überredung. Gewiefte Verkäufer sind Profis darin, uns zu einem Handeln entgegen unserer Überzeugung zur verführen. Damit einher geht das Instrument der Belohnung: man kauft beispielsweise einen völlig überteuerten Nippes und ist dennoch froh, den Gegenstand sein Eigen nennen zu können. Dem gegenüber steht die Bestrafung: Das Vordrängeln in einer Warteschlange und böse Blicke anderer Wartender, die für gewöhnlich als unangenehm empfunden werden, führen oftmals dazu, dass man sich korrekt verhält und in der Schlange anstellt.

Bezogen auf unser Mobilitätsverhalten hat die jahrzehntelange Prägung in Deutschland auf den MIV dazu geführt, dass bspw. im Berufsverkehr knapp 65% der Menschen den eigenen Pkw zum Pendeln benutzen.[7] Die verbleibenden 35% der Pendler teilen sich in Pkw-Mitfahrer, ÖPNV-Nutzer, Radfahrer und Fußgänger auf.[8]

Um diese Dominanz des MIV aufzubrechen, bedarf es einer Änderung des Mobilitätsverhaltens. Bestrafungen gelten als unpopulär. Am Beispiel des Dieselskandals scheint es vor dem Hintergrund des politischen Willens recht unwahrscheinlich, dass partielle Einfahrverbote in deutschen Städten tatsächlich kommen werden.[9] Belohnungen wurden vor Kurzem in der Form eines kostenlosen ÖPNV durch die Bundesregierung ins Spiel gebracht, schnell aber wieder verworfen.[10]

Daher bleibt vornehmlich der Anreiz, den ÖPNV und Alternativen zum eigenen Pkw so attraktiv zu gestalten, dass Autofahrer zum Ausprobieren bewegt werden und letztlich durch eigenes Tun positive Erfahrungen sammeln, damit sich derart sukzessive das Mobilitätsverhalten Vieler ändert. Hierzu gibt es allerdings Studien, die aufzeigen, wie schwer es ist auf alternative Verkehrsmittel umzusteigen und das Pkw-bezogene, habitualisierte Verhalten zu ändern.[11]

  • Quelle: Peh & Schefzik

Fazit

Umfangreiche Baumaßnahmen führen nahezu immer zu einer hohen Beeinträchtigung aller Verkehrsteilnehmer. Durch entsprechende Aufklärung der Betroffenen im Vorfeld kann die Bevölkerung rechtzeitig sensibilisiert werden. Die Menschen informieren sich über Alternativen zu ihren herkömmlich genutzten Verkehrsmitteln, wodurch sich eine große Chance für die Etablierung weiterer Mobilitätskonzepte bietet. „Leidensgenossen“ organisieren sich beispielsweise in Mitfahrgelegenheiten, was für Ride-Sharing-Anbieter über die Dauer einer Baumaßnahme die Chance bietet, den Service mittel- und langfristig zu verstetigen. Hierzu bedarf es aber einer Änderung des Mobilitätsverhaltens der Betroffenen. Dieser Beitrag hat die Herausforderungen im Kontext skizziert, sofern auf Belohnungen oder Bestrafungen seitens der politisch Verantwortlichen verzichtet werden soll.

Was ist deine Meinung zu dem Thema? Was würde dich oder deine Bekannten motivieren, Fahrgemeinschaftsdienste wie MatchRiderGO auszuprobieren? Was hindert dich noch daran? Schreib uns doch bitte einfach – wir antworten garantiert!

Mann Benedikt Krams Bewerbungsfoto Match Rider Partner Manager

Dr. Benedikt Krams, Partner Management bei Match Rider

22.05.2018

[1] Vgl. https://www.heidelberg.de/hd,Lde/HD/Leben/Baustellen+in+Heidelberg.html, abgerufen am 15.05.2018

[2] Vgl. http://ww2.heidelberg.de/mapservicemobile/index-bst.jsp, abgerufen am 15.05.2018

[3] Vgl. https://www.heidelberg.de/mobinetz,Lde/Start/Aktuelles/08_05_2018+umbau+der+haltestelle+hauptbahnhof_+vorbereitende+arbeiten+starten.html, abgerufen am 15.05.2018

[4] Vgl. https://inside.bahn.de/tunnel-rastatt-sperrung/, abgerufen am 15.05.2018

[5] Vgl. Krams: Ride-Sharing mit MatchRiderGO – Das Anwendungsbeispiel Schienenersatzverkehr, in: DVWG Mitglieder-Newsletter, Ausgabe 41, Oktober 2017

[6] Vgl. https://www.aphorismen.de/zitat/84615, abgerufen am 15.05.2018

[7] Vgl. Studie Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) 2017: http://www.bbsr.bund.de/BBSR/DE/Home/Topthemen/2017-pendeln.html, abgerufen am 15.05.2018

[8] Vgl. infas, DLR: Mobilität in Deutschland 2018, Ergebnisbericht 2010

[9] Vgl. Krams: Dieselfonds und Co. …: Was war, was ist, was kommt, um unsere Städte sauberer zu machen? https://www.matchridergo.de/index.php/2018/01/29/dieselfonds-und-co/, abgerunfen am 15.05.2018

[10] Vgl. am Beispiel Mannheim: https://www.rnz.de/nachrichten/mannheim_artikel,-mannheim-kostenloser-nahverkehr-wirft-viele-fragen-auf-_arid,339806.html, abgerufen am 15.05.2018

[11] Vgl. Bamberg, Rollin: Warum es so schwer ist, weniger Auto zu fahren, in: Mobilität gestalten, Stillstand verhindern. ACE Auto Club Europa e.V. 2018

2018-05-29T13:45:34+00:00